Ein Haus für die Heilige Familie

Florian Hofmann baut mit Hingabe Weihnachtskrippen – „Das Besondere liegt im Detail" – Ein Krippler mit Leib & Seele

Die Sonne blinzelt mit winterlicher Kraft durch die leicht schneebedeckten Nadelbäume auf dem Dorfplatz. Ein Hauch von Stille liegt über dem kleinen Dörfchen. Scheinbar, denn hinter den Türen der alten Schule tummeln sich Maria, Josef, Drei Könige, Engel, Hirten und Schafe sowie das Jesuskind immer wieder neu verteilt in sieben Weihnachtskrippen. Bis zu 2000 Besucher drängen sich jährlich in den zierlichen Ausstellungsraum – fahren nicht selten bis zu hundert Kilometer - um sich von der besonderen Stimmung, die von den Krippen ausgeht, einfangen zu lassen. „Heilige Nacht", „Geburt Christi" oder „Abschied der Drei Könige" steht auf weißen Lettern neben den 1,20 Meter tiefen, verglasten Kästen. Ganze landschaftsarchitektonische Anlagen finden sich im Inneren wieder, in dessen Zentrum der "Stall von Bethlehem" als Herberge für die heilige Familie steht. Und wie so oft im Leben erkennt der Betrachter auch in der alten Kirche erst beim näheren Hinsehen das wahre Geheimnis dieser Anziehungskraft, denn „das Besondere liegt im Detail": Und so könnte auch das Motto heutiger Krippenbauer lauten, die dem nachempfundenen Geburtsort Jesu liebevolle Aufmerksamkeit, viel Zeit und alles zur Verfügung stehende handwerkliche Können schenken.

o ein Krippenbauer mit Herz und einem berufsbedingten Händchen fürs Handwerkliche ist auch Florian Hofmann. Bereits als zehnjähriger Junge entdeckte er seine Leidenschaft für die Kastengrippen. „Damals habe ich in Bamberg eine Krippe gesehen, die nur aus drei Figuren bestand. Sie nannte sich: „der barmherzige Samariter". Ich war sofort überwältigt und beeindruckt von der ungeheueren Ausstrahlungskraft. So etwas wollte ich auch schaffen." Im Laufe der Jahre arbeitete er intensiv an seinem Vorhaben. Feilte an seiner Technik, probierte verschiedene Stilrichtungen und Materialien aus – bis hin zur Perfektion. Heute hat sich der Neuenseer bis weit über die Grenzen des Landkreises hinaus einen Namen als Krippenbauer gemacht, stellt in ganz Deutschland seine kleinen Kunstwerke aus. Über 200 Krippen stapeln sich in der extra dafür eingerichteten, 60m² großen Garage seines Hauses. Und jedes Jahr kommen neue dazu.

ehrere Wochen, oft sogar Monate, arbeitet Hofmann an jeder Krippe. Und auf diese könnte so mancher Häuslebauer neidvoll schauen: Selten wird ein reales Haus derart detailfreudig und vor allem massiv konstruiert. Sämtliche Bestandteile sind in Handarbeit gefertigt, bis hin zu den Dachschindeln, von denen jede einzeln hergestellt wird. Inspirieren lässt er sich von Fotos oder existierenden Gebäuden, dann wird für jede Krippe ein eigener Plan angefertigt. Details zeigen den Erfindergeist des Krippenbauers: Aus einer speziellen Bastelmasse fertigt er in penibler Kleinstarbeit Bienenstöcke, Brot, Eier oder die Geschenke der drei Könige – alle nur wenige Millimeter groß - um Leben in die Krippen zu zaubern. „So etwas fällt den Zuschauern zwar nicht sofort auf, aber es sorgt für eine besondere Stimmung, die den individuellen Charakter hervor hebt." Auch auf die Farbgebung legt Hofmann besonderen Wert. „Über den Fenstern ist der Giebel meist leicht bräunlich eingefärbt. Und Schnee ist nicht einfach nur weiß, sondern oft blau."

er Neuenseer hat sowieso eine ganz spezielle Art, den Betrachter in seine Krippen einzufangen, denn in fast jeder seiner Glasvitrinen hat er eine Besonderheit eingebaut, die beim Hinschauen zum Nachdenken anregen soll. Wenn ein Krippenbauer sein Werk herzeigt, sei er auf die Publikumsreaktion gespannt, erzählt er. Beim „Abschied der Drei Könige" wenden beispielsweise die Figuren und Tiere dem Zuschauer den Rücken zu. Von den beiden Kamelen, die am Stall vorbeilaufen, sieht man sogar nicht viel mehr als das Hinterteil. Oft fragen Besucher dann, warum er denn das Kamel verkehrt herum reingestellt hat. „Das passt schon", antwortet Hofmann dann. „Wennst weg gehst, seh ich dich doch auch nur von hinten." Oder bei der „Geburt Christi", wo das Jesuskind nicht wie gewohnt von Maria, sondern von Josef im Arm gehalten wird. Hier antwortet der Krippler dann gewöhnlich zu den männlichen Besuchern: „Ja trägst du dein Kind denn nicht auch mal im Arm? Josef hat das natürlich auch getan, der war ja ein guter Vater." Und auch in der Ausgestaltung der Häuser und Landschaften zeigt sich der Künstler vielseitig. Keine Krippe gleicht der anderen – jede ist ein Unikat. Gerne präsentiert er auch, wie Weihnachtskrippen in anderen Ländern aussehen, was er in diesem Jahr mit der „Heimatkrippe der Basken" eindrucksvoll unter Beweis gestellt hat. Die Figuren dazu hat er eigens von einer spanischen Künstlerin anfertigen lassen. Massive Steinfelsen säumen die karge, trockene Landschaft. Besonders stolz ist er jedoch auf seine „Schneekrippe", in der er maßstabsgetreu ein altes Bauernhaus aus Nordhalben nachgebaut hat, das bereits vor 20 Jahren abgerissen wurde. Nur anhand eines alten Fotos konstruierte er die heimatliche Architektur nach. Und wie es der Zufall so will, stand sogar eines Tages die einstige Besitzerin des Hauses dem Krippenbauer im Ausstellungsraum gegenüber. „Die konnte es kaum glauben und war natürlich begeistert, ihr ehemaliges Bauernhaus wieder zu sehen ", erzählt Hofmann. „Sie entdeckte natürlich auch sofort einen Fehler in meiner Krippe. Anstatt sechs Fenster hatte ich nur fünf eingebaut. Das Fehlende war nämlich auf meinem Foto von einem großen Baum verdeckt gewesen."
Angst davor, dass ihm irgendwann mal die Ideen ausgehen, hat Hofmann nicht. „Krippler ist man 24 Stunden am Tag. Im Urlaub präge ich mir besondere landschaftliche Details ein und auf Spaziergängen sammle ich spezielle Steine oder Äste. Im Unterbewusstsein denke ich immer daran, dass ich das ja mal für irgendeine Krippe gebrauchen kann". Denn für Florian Hofmann ist Bethlehem überall.

Veröffentlicht am 28.12.2004 (Fränkischer Tag)

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